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Unsere Träume stellen einen kreativen Versuch dar, Erfahrungen und Erlebtes zu verarbeiten. Ohne es zu wissen, therapieren wir uns dabei selbst.

«Schlafen ist ein Hineinkriechen in sich selbst», sagte einst Friedrich Hebbel, ein deutscher Philosoph, und beschrieb damit treffend den wundersamen Rückzug des Schläfers in seine eigene, selbst konstruierte Welt. Das Hirn nimmt sich sozusagen im Schlaf eine Auszeit. Vom Lärm der Aussenwelt abgeschirmt, kann es sich nun in Ruhe sich selbst zuwenden und Aufräum- und Reparaturarbeiten durchführen. Wie aktiv das Hirn dabei ist, wird an unseren Träumen deutlich. Wir träumen im Verlauf der Nacht unterschiedlich intensiv. Im sogenannten «REM-Schlaf», wenn sich unsere Augen unter den geschlossenen Lidern schnell hin und her bewegen (REM = Rapid Eye Movement), sind unsere Träume besonders eindrücklich. Zwei bis drei Stunden verbringen wir jede Nacht in diesem Kopfkino.

Nach Sigmund Freud, dem Urvater der Traumdeutung, verlor die Wissenschaft lange Zeit das Interesse am Phänomen des Träumens. Zu unwissenschaftlich galten die Untersuchungsmethoden, zu spekulativ die Theorien. Dank neuen neurobiologischen Erkenntnisse zeichnet sich eine Renaissance der Traumforschung ab.

Wichtige Funktion bei Lern- und Gedächnisprozessen

Gut untersucht ist zum Beispiel die Annahme, dass der «REM-Schlaf» eine wichtige Funktion bei Lern- und Gedächtnisprozessen hat, bei denen Bewegungsabläufe und Emotionalität eine wichtige Rolle spielen. Eindrücke vom Vortag werden im Traum «offline» simuliert, so dass das Hirn – diesmal ungestört – entscheiden kann, was in das bestehende Gedächtnis integriert und was gelöscht werden soll. Diese Simulation hilft uns aber auch Verhaltensweisen einzustudieren, die für uns zukünftig wichtig sind. Dies gilt besonders für zwischenmenschliche Begegnungen.

Träumen frei von Zwängen

Träume dienen der Verarbeitung von Erfahrungen und können helfen, Erlebnisse besser zu verstehen. Sie unterstützen uns dabei, das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten oder wieder zu finden. Im «REM-Schlaf» sind die Hirnbereiche herunterreguliert, welche für die Verhaltenskontrolle zuständig sind. Jene Regionen, in denen Emotionen entstehen, sind überaktiv. Befreit von Zwängen, Geboten und Verboten sind unserer Phantasie im Traum daher keine Grenzen gesetzt. So kann es vorkommen, dass wir im Traum kreative Anregungen finden, neue Zusammenhänge erkennen oder Probleme auf ungeahnte Weise lösen.

Man vermutet auch, dass Albträume nach schweren traumatischen Erfahrungen helfen, das Erlebte zu verarbeiten. Problematisch wird es, wenn Albträume zur Belastung werden und Betroffene sich vor dem Zubettgehen zu ängstigen oder unter Verstimmungen am nächsten Tag leiden. Hier kann eine therapeutische Technik helfen, in der Angstträume im Wachzustand umgeschrieben und wiederholt in der Vorstellung durchgespielt werden.

Träume bleiben rätselhaft. Vieles ist noch ungeklärt. Ihre Bedeutung für die psychische Gesundheit scheint sich jedoch zunehmend zu bestätigen. Vielleicht helfen sie uns, mit den Widersprüchen und Problemen des Lebens besser zurecht zu kommen. Und das einfach so im Schlaf.

Ute Bahner, eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin und Somnologin


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