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Publikationen | Ratgeber

Je grosszügiger wir unsere innere Uhr ignorieren, umso höher steigt der Preis dafür. Ratgeber zum richtigen Umgang mit der Digitalisierung.

Seit den 1960er Jahren lebten nacheinander 447 Versuchspersonen in einem Bergbunker neben dem Kloster Andechs bei München. Sie lebten dort freiwillig oft über mehrere Wochen, ohne Tageslicht und ohne Kontakt zur Aussenwelt. Viele beschäftigen sich ausschliesslich alleine, schliefen und wachten, wann ihnen danach war. Diese Experimente lieferten der noch jungen Wissenschaft Chronobiologie viele spektakuläre Daten.

Seitdem wissen wir, dass Menschen rhythmische Wesen sind. Wir haben eine Innere Uhr und das Schlafen und Wachen verläuft synchron mit dem Tag-Nacht-Wechsel der Erde. Von Natur aus verläuft sie im 25-Stunden Rhythmus. Sie passt sich problemlos dem um eine Stunde kürzeren Rhythmus der Erdumdrehung an. Wir wissen ausserdem, dass wenn wir den äusseren Rhythmus ändern, die Innere Uhr für kurze Zeit irritiert ist. Langfristig passt sie sich aber immer an, wenn die äusseren Bedingungen stabil sind, z.B. bei einem Zeitzonenwechsel. So zeigt sich diese Innere Uhr sehr eigenwillig, aber auch erstaunlich flexibel.

Die «always on» Gesellschaft

Irritiert wird die Innere Uhr wenn wir unseren Rhythmus ständig verändern, uns von Tag und Nacht nicht beeindrucken lassen, Arbeit und Freizeit mal so, mal anders organisieren und quasi nonstop unterwegs sind. Begünstigt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Digitalisierung unseres Alltags, die auch vor unseren Schlafzimmern und dem idyllischen Urlaubsort nicht Halt macht. Ständig sind wir online, pflegen virtuelle Freundschaften, shoppen in Onlineshops oder sind irgendwo am Arbeiten. Ignorieren wir unsere ureigenen biologischen Bedürfnisse permanent, reagiert die Innere Uhr. Die Reaktionen sind vielfältig.

Viele unserer Patienten entwickeln dadurch Schlafstörungen. Sie haben verlernt zum «richtigen» Zeitpunkt zu schlafen. Sie können nicht mehr abschalten und nicht mehr entspannen. Sie sind erschöpft und müde am Tag, die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sinkt. Ein Teufelskreis von Selbstvorwürfen und sich noch mehr anstrengen beginnt, was häufig zu einem Burnout oder einer Depression führt. Letztendlich haben sie den Kontakt zu sich und ihren wahren Bedürfnissen und Wünschen verloren. Eine Behandlung setzt auf vielen Ebenen an: Herz, Körper und Geist werden in Abwägung mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten wieder zusammengeführt. Fragen wie, was will ich wirklich, wo sind meine Grenzen, was sind meine Werte und Ziele im Leben, begleiten die Reise. Damit ist das Individuum nicht einfach Opfer der (gesellschaftlichen) Umstände, sondern nimmt das Steuer gleichsam selbst wieder in die Hand.

Richtiger Umgang mit der Digitalisierung

Niemand will in die Steinzeit zurück und niemand will die Digitalisierung mit all seinen Vorzügen abschaffen oder die Gesellschaft komplett umkrempeln. Aber wir brauchen einen vernünftigen Umgang mit den aktuellen Bedingungen. Damit sind alle gefordert: Das Individuum, die Arbeitgeber, die Politik. Wir brauchen nicht nur eine ökonomische Vernunft, sondern auch eine biologische Vernunft. Unsere Gesundheit ist es uns wert.

» Beitrag als PDF (erschienen am 2.5.2018 im Bote der Urschweiz)


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