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Schlafstörungen betreffen wohl fast ein Drittel der Bevölkerung. Dr. med. Peter Gabriel, Chefarzt und Ärztlicher Direktor, und Dr. phil. Eva Birrer, Leiterin Schlafmedizin und Therapien, im Interview mit der neuen Zuger Zeitung zum Thema Schlafprobleme und moderne Überlastung.

Eva Birrer ist Leiterin Schlafmedizin und Therapien in der Seeklinik Brunnen, Peter Gabriel arbeitet dort als Chefarzt und Ärztlicher Direktor. Die Seeklinik Brunnen SZ fokussiert auf die ganzheitliche Prävention und Behandlung psychischer Störungen.

Schlafstörungen – sind sie stets Zeichen von Depression oder Burn-out?

Eva Birrer: Bis zu 90 Prozent aller Depression-Betroffenen leiden an Schlafstörungen. Sie sind eines der häufigsten Erstsymptome einer beginnenden Depression. Betroffene leiden an Ein- und Durchschlafstörungen sowie oft an morgendlichem Früherwachen. Schlafstörungen können Symptom wie Auslöser einer Depression sein. Patienten erleben sich häufig als hilflos. Weil eigene und ärztliche Behandlungsversuche erfolglos bleiben, ziehen sie sich von sozialen Aktivitäten zurück – was die Entwicklung einer depressiven Erkrankung begünstigen kann. Die frühzeitige Behandlung von Schlafstörungen kann eine Depression verhindern. Burn-out ist zwar keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose, wird aber als Stresserkrankung verstanden. Chronischer Stress kann dazu führen, nicht mehr abschalten zu können. Manche arbeiten auch so viel, dass es zum Schlafmangelsyndrom kommt.

Wie viel Prozent der Bevölkerung leiden wohl an Schlafstörungen?

Birrer: Bis zu 15 Prozent der Schweizer haben chronische Schlafstörungen. Bis zu einem Drittel klagt über klinisch relevante Ein- und Durchschlafstörungen.

Haben Schlafstörungen zugenommen?

Birrer: Es gibt Hinweise darauf, dass Schlafstörungen stark zunehmen, nicht zuletzt aufgrund des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Drucks, permanente Leistung zu erbringen.

Ab wann spricht man von einer Schlafstörung?

Birrer: Wenn jemand über mehrere Wochen zwei bis drei Nächte pro Woche nicht ein- oder durchschlafen kann und tagsüber chronisch müde, reizbar oder unkonzentriert ist.

Wie behandelt man Schlafstörungen?

Birrer: Langfristig kann die chronische Schlafstörung mit einem nichtmedikamentösen Programm sehr gut behandelt werden. Es basiert darauf, durch eine Strukturierung der Bettzeit Schlafdruck abzubauen, viel Information über Schlaf zu vermitteln und den Umgang mit schlafhinderlichen Gedanken zu erlernen. Körperliche und gedankliche Entspannung spielen eine zentrale Rolle.

Wie stehen die Chancen, geheilt zu werden?

Birrer: Schlafmittel helfen, wenn die Schlafstörung akut ist. Langfristig sind die nichtmedikamentösen Verfahren sehr erfolgreich, weil sie Betroffene aus der Hilflosigkeit herausholen. Sie werden angeleitet, sich selber zu helfen.

Allgemein gesehen: Was sagt einem, dass eine psychische Störung vorliegt, eine Depression oder ein Burnout?

Peter Gabriel: Anfangs ist eine psychische Störung gar nicht einfach zu erkennen, da oft unspezifisch. Etwas stimmt über einen gewissen Zeitraum nicht. Oft machen sich körperliche Symptome unklarer Art bemerkbar wie Bauchweh, Kopfweh, Erschöpfung. Dazu gehört auch: sich am Morgen oder nach den Ferien nicht mehr erholt zu fühlen. Unruhe, Konzentrationsprobleme, Dünnhäutigkeit. Wut bis hin zur Hilflosigkeit. Zu empfehlen ist dann das Gespräch mit dem Hausarzt oder einer Fachperson.

Wie lässt sich mit Stress umgehen, ohne krank zu werden?

Gabriel: Es gibt Stress, der nicht krank macht und den es braucht, um sich wohlzufühlen und Leistung zu generieren, den sogenannten Eustress. Dysstress hingegen entsteht, wenn Spannungen aufkommen. Zuerst müssen von Dysstress Betroffene wahrnehmen, dass etwas nicht guttut über einige Zeit. Es braucht eine Klärung, wie Stress entsteht, um dagegen anzugehen. Präventiv sind Ausgewogenheit, eine Arbeit, die erfüllt, ein gutes Klima im Betrieb, ein gutes soziales Umfeld und viel Bewegung.

Wie häufig ist das Gesundheitspersonal von Schlafstörungen betroffen?

Gabriel: Leider viel zu häufig. Mindestens genauso oft und teilweise mehr als andere Berufsgruppen es sind. Schichtarbeit und psychische Belastung sind Risikofaktoren. In der Psychiatrie kennen wir die Supervision, die unter anderem der eigenen Psychohygiene dient. Diese ist auch in anderen Medizinbereichen wünschenswert und sinnvoll – und wird dort auch zunehmend etabliert.

 

Dieses Interview erschien am 29.06.2015 in der Neuen Zuger Zeitung im Zusammenhang mit der Fachtagung «Psychische Belastung am Arbeitsplatz» der Werner Alfred Selo Stiftung, die am 30.06.2015 in Baar stattfand. Dr. med. Peter Gabriel und Dr. phil Eva Birrer traten als Experten mit Workshop und Referat auf.

Interview: Susanne Holz, Neue Zuger Zeitung

 


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